125 Jahre SPD-Ortsverband Hemelingen

Die Entstehung der Sozialdemokratie in Hemelingen ist eng mit dem Wandel Hemelingens vom kleinen Bauerndorf zum großen Bremer Industrievorort verbunden. Hatte Hemelingen 1834 noch 381 Einwohner, bekam es mit der Industrialisierung und den damit verbundenen Zuzügen ein rasantes Bevölkerungswachstum. mit rund 5600 Einwohnern war Hemelingen 1897 das größte Dorf der preußischen Provinz Hannover. 1905 hatte Hemelingen bereits 7214 Einwohner.
Seit 1871 galt bei den Gemeindewahlen in Hemelingen das Sechsklassenwahlrecht. Jedes Jahr wurde für jede Steuerklasse einer von drei Vertretern der Steuerklasse neu gewählt bzw. bestimmt. Dieses bis zum Ende des Ersten Weltkrieges geltende ungleiche Wahlrecht führte dazu, das höchstens drei Arbeiter über die 6. Wählerklasse in den Gemeindeausschuss kommen konnten. Obwohl schon seit 1878 ein Sozialdemokrat im Gemeindeausschuss saß, wurde der SPD-Ortsverein in Hemelingen offenbar erst im Oktotber 1891 von zugereisten Sozialdemokraten gegründet.
Zuerst schlossen sich ihm vor allem Handwerker und gelernte Industriearbeiter an. Später prägten besonders die Eisenbahnwerkstätten den Ortsverein. Am 1. April 1914 – noch vor dem Ersten Weltkrieg – hatte der SPD-Ortsverein Hemelingen 869 Mitglieder, davon 228 Frauen.
Im Oktober 1909 wurde der Sozialdemokrat Adam Frasunkiewicz in Hemelingen 253 von 259 abgegebenen Stimmen in den Hemelinger Gemeindeausschuss gewählt. Nach Ausbruch des Ersten Weltkrieges nahmen auf Aufruf des SPD-Parteivorstandes auch in Hemelingen am 29. Juli 1914 rund 1.000 Besucher an einer Antikriegskundgebung im prall gefüllten „Lüers Tivoli“ teil. Nachdem die SPD-Reichstagsfraktion am 4. August 1914 den Kriegskrediten zugestimmt und damit den „Burgfrieden“ geschlossen hatte, beteiligte sich auch der Ortsverein Hemelingen unter der Führung seines Vorsitzenden Adam Frasunkiewicz als Kriegsgegner an den daraus hervorgehenden Auseinandersetzungen innerhalb der SPD. Am 20. März 1917 schließlich folgte die Mitgliederversammlung ihrem Ortsvereinsvorstand mit einer Abkehr von der Mehrheits-SPD. Vom 6. bis 8. April 1917 fand in Gotha der Gründungsparteitag der USPD statt. In der Folge wurde aus dem SPD-Ortsverein Hemelingen der USPD-Ortsverein Hemelingen. Zwischen Ende Mai und Anfang Juni 1917 konstituierte sich die Hemelinger Minderheit als Ortsverein der Mehrheits-SPD und wählte den Schlosser Heinrich Vogel zu seinem Vorsitzenden. Die Spaltung der SPD war auch in Hemelingen vollzogen.
Allerdings hatte der Ortsverein der Mehrheits-SPD wohl kaum Mitglieder. Im Zuge von Hungerunruhen und Massenstreiks gingen die Militärbehörden immer schärfer gegen die USPD vor. Auch Adam Frasunkiewicz kam dabei vom August 1917 bis zum 31. Oktober 1918 ins Bremer Untersuchungsgefängnis in „Schutzhaft“. Mit der Novemberrevolution wurde Frasunkiewicz zu einer der herausragenden Figuren des Bremer Arbeiter- und Soldatenrates und stellvertretenden Vorsitzenden des Rates der Volksbeauftragten der Räterepublik. Am 6. November 1918 – kurz vor dem Ende des Ersten Weltkrieges – war er es, der die Bildung des Bremer Arbeiter- und Soldatenrates vom Balkon des Bremer Rathauses aus verkündet hatte. Im Februar 1919 stürzten Reichstruppen und Freikorps die Arbeiter- und Soldatenräte von Bremen und Hemelingen.
Am 2. März 1919 wurden in Hemelingen die ersten Gemeindewahlen nach neuem gleichen, geheimen, direkten allgemeinen Wahlrecht für Männer und erstmals auch Frauen klar von der – allerdings noch gespaltenen – Sozialdemokratie gewonnen: DIe Mehrheits-SPD erhielt sechs Sitze, die USPD fünf und Bürgeliche insgesamt sieben Sitze. In der Weimarer Republik war die Sozialdemokratie die stärkste Kraft im Gemeindeausschuss bzw. ab 1926 Gemeinderat Hemelingens. 1922 konnte die Sozialdemokratie mit ihrer großen Mehrheit sogar erstmals ihren Kandidaten Erich Fichtner als Gemeindevorsteher bzw. „Bürgermeister“ durchsetzen. 1924 setzte der Gemeindeausschuss Fichtner jedoch aufgrund von Verfehlungen wieder ab. Anschließend bekam keine Partei für ihren Kandidaten die erforderliche Zweidrittelmehrheit. Auch bei den folgenden Bürgermeisterwahlen konnten sich SPD und Bürgerliche nicht auf gemeinsame Kandidaten einigen. Am 28. Juni 1929 wurde dann zur Entlastung des Bürgermeisters der Sozialdemokrat Karl Moses (später Moewes) zum ersten besoldeten Beigeordneten Hemelingens für den Bereich der Wohlfahrtspflege und der Wohnungsbewirtschaftung gewählt. Auch nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten wurde die SPD in Hemelingen bei den Gemeindewahlen vom 12. März 1933 wieder stärkste Partei. Die SPD erhielt 2.694 Stimmen, die NSDAP 2.311, die „Bürgerliche Arbeitsgemeinschaft“ 744, die KPD 639 und die „Bürgerliche Mitte“ 439 Stimmen. Bürgermeister Ellmers wird jedoch am 29. März 1933 in den Ruhestand versetzt. Der Beigeordnete Karl Moses wird zudem Ende März unter dem Vorwurf der Untreue verhaftet. Genau wie er wird auch der Sozialdemokrat Karl Helfenberger, seit 1928 unbesoldeter Beigeordneter, in dieser Zeit “beurlaubt”. Helfenberger – zuvor von 1926 bis 1928 Vorsitzender des SPD-Unterbezirks Achim-Verden und von 1928 bis 1932 Mitglied des Preußischen Landtages – wurde nach 1933 für längere Zeit inhaftiert. Der Nazi Hermann Passe wird zum kommissarischen Gemeindevorsteher ernannt und nahezu das gesamte Personal im Hemelinger Rathaus ausgetauscht. Zur ersten Sitzung des neuen Gemeinderates am 7. April 1933 wurde schon der kommunistische Vertreter nicht mehr zugelassen. Mit der Zustimmung zur Gültigkeit der Wahl stimmt die SPD indirekt nach dem Ausschluss der KPD aus der Sitzung zu. Der KPD hätte ein Sitz zugestanden. Mit dem damaligen Beschluss über die Gültigkeit der Wahl wurde folgende Sitzverteilung festgelegt: SPD 8, NSDAP 6, Bürgerliche Arbeitsgemeinschaft 2 und Bürgerliche Mitte 1 Sitz. Doch schon bald darauf wurde die SPD verboten und auch ihren Gemeinderatsmitgliedern das Mandat genommen. Die „Bürgerlichen“ Mitglieder des Gemeinderates bewarben sich am 24. August 1933 dann um die Aufnahme in die NSDAP-Fraktion.
Mit den Mitteln der „Beurlaubung“, der „Schutzhaft“, des Verbotes und von Enteignungen wird von den Nazis auch in Hemelingen alles bekämpft, was mit der Sozialdemokratie zu tun hat. Betroffen von Verbot und Enteignung sind z.B. die Volkshaus Hemelingen GmbH und der Arbeitersportverein „SV Hemelingen“ – einer der Vorgängervereine der heutigen Sportvereinigung Hemelingen.
1939 war Hemelingen unter den Nazis zu Bremen gekommen. Bereits 1946 – Nach dem Zweiten Weltkrieg – wurde Hans Hofstadler in der 1. Legislatur in die Bremische Bürgerschaft gewählt. Im April 1955 verzichtete er in der 3. Legislatur auf sein Mandat. In der 4. Legislatur folgte ihm dann 1955 Heinrich Stein als sozialdemokratischer Abgeordneter für Hemelingen nach, der bereits 1952 Vorsitzender des SPD-Ortsvereins geworden war. 1952 bestand der Ortsverein Hemelingen aus fünf Distrikten – auch Wohnbezirke genannt. Wohnbezirk I umfasste Neu-Hemelingen, Wohnbezirk II Borgward-Siedlung, Bischofsnadel (heutige Osternadel) und alle Straßen südöstlich des Bruchwegs, Wohnbezirk III Alt-Hemelingen, Wohnbezirk IV Eisenbahn-Kolonie und alle Straßen östlich der Bundesbahn (Hannover) sowie Wohnbezirk V den Ortsteil Arbergen mit altem Dorf und Stackkamp-Siedlung. Das Dorf Arbergen war 1929 noch zum damals noch selbstständigen Hemelingen gekommen. Mit 1.862 Mitgliedern, davon 454 Frauen, war Hemelingen im I. Quartal 1952 der größte Ortsverein des SPD-Kreisvereins Bremen. 1959 war der „Distrikt“ Hemelingen mit nur noch 604 Mitgliedern immer noch knapp der größte im gesamten „Ortsverein“ Bremen. Stein gehörte bis 1967 der Bremischen Bürgerschaft an. Ihm folgte 1967 Helmut Fröhlich als Hemelinger Sozialdemokrat in die Bürgerschaft. Von 1971 bis 1983 war das heutige Ehrenmitglied des Ortsvereins Innensenator bei Bürgermeister Hans Koschnik.
Bereits 1951 war die Eisenbahn-Kolonie vom Ortsteil Hemelingen abgetrennt und dem Ortsteil Sebaldsbrück zugeschlagen worden. 1972 trennte sich die Eisenbahn-Kolonie dann auch in der SPD als Ortsverein Sebaldsbrück-Ost vom Ortsverein Hemelingen.
Von 1972 bis 1984 führte dann Claus-Dieter Dunker den Vorsitz der Hemelinger SPD. Wichtige Themen seitdem waren besonders die Daimler-Benz-Ansiedlung 1978 und der damit verbundene Hemelinger Tunnel zur Entlastung des Ortsteils Hemelingen vom LKW-Verkehr. Dunker saß von 1979 bis 1983 in der Bürgerschaft. Von 1984 bis 1995 prägte dann Gisela Fröhlich als Vorsitzende und Bürgerschaftsabgeordnete den SPD-Ortsverein Hemelingen.
Der vom SPD-Ortsverein erkämpfte Hemelinger Tunnel wurde 2003 eröffnet.

Literaturhinweise:

Klaus Düwel: Die industrielle und kommunale Entwicklung des Fabrikortes Hemelingen. Ein Kapitel der Industrialisierung des Bremischen Randgebietes, Phil. Diss., Göttingen 1958.

Dierk Wolters: Hemelingen: Vom Bauerndorf zur Industriegemeinde, Bremen 1974.

Arbeitskreis Geschichte der KuFAG (Margot Müller): Auch Hemelingen hatte einen Adolf-Hitler-Platz. Eindrücke aus Hemelingen 1933 – 1945, Bremen 1986.

Friedrich Rauer: Hemelingen. Notizen zur Vergangenheit, hrsg. von der Sparkasse in Bremen, 1987.

Ulrich Schröder: Adam Frasunkiewicz und die Spaltung der Hemelinger Sozialdemokratie im Ersten Weltkrieg, in: JahrBuch für Forschung zur Geschichte der Arbeiterbewegung, 2015/II.